Warum der Einkauf im Mittelstand unter Druck steht
Der Einkauf gehört zu den kostenintensivsten und fehleranfälligsten Prozessen in mittelständischen Unternehmen. Manuelle Bestellvorgänge, papierbasierte Rechnungen, dezentrale Freigabeprozesse und fehlende Systemintegration führen täglich zu Verzögerungen, Fehlbuchungen und unnötigem Aufwand. Dabei ist der Einkauf längst mehr als eine operative Funktion – er ist ein strategischer Hebel für Kostensenkung, Lieferantensicherheit und Liquiditätssteuerung.
Genau hier setzt die Automatisierung an. Wer den Einkaufsprozess – also den gesamten Ablauf von der Bedarfsanforderung über die Bestellung bis hin zur Rechnungsprüfung und Zahlung – konsequent digitalisiert und automatisiert, schafft messbare Vorteile: weniger Prozesskosten, schnellere Durchlaufzeiten und eine deutlich höhere Datenqualität.
Der klassische Procure-to-Pay-Prozess und seine Schwachstellen
Der sogenannte Procure-to-Pay-Prozess (P2P) umfasst alle Schritte vom internen Bedarf bis zur Bezahlung einer Lieferantenrechnung. In der Praxis sieht dieser Prozess bei vielen mittelständischen Unternehmen noch erschreckend manuell aus: Bedarfsanforderungen werden per E-Mail weitergeleitet, Bestellungen in Excel erfasst, Lieferscheine manuell abgehakt und Rechnungen von Hand in ERP-Systeme eingetippt.
Die Folgen sind bekannt: Doppelzahlungen, verpasste Skontofristen, fehlende Transparenz über offene Verbindlichkeiten und ein erheblicher Zeitaufwand auf Seiten der Mitarbeitenden. Laut einer McKinsey-Studie verbringen Mitarbeiter in Finanz- und Einkaufsabteilungen bis zu 30 Prozent ihrer Arbeitszeit mit repetitiven, regelbasierten Aufgaben – Zeit, die für strategischere Tätigkeiten fehlt.
Automatisierung Schritt für Schritt: Was wirklich möglich ist
Automatisierung im Einkauf bedeutet nicht, alles auf einmal umzuwerfen. In der Praxis empfiehlt es sich, den P2P-Prozess in Teilschritte zu zerlegen und gezielt die größten Engpässe anzugehen:
- Bedarfsanforderung und Genehmigung: Digitale Workflows ersetzen E-Mail-Ketten. Freigaben erfolgen regelbasiert und revisionssicher – auch mobil.
- Bestellabwicklung: Auf Basis genehmigter Anforderungen werden Bestellungen automatisch erzeugt und an Lieferanten übermittelt, inklusive Abgleich mit Rahmenverträgen und Preislisten.
- Wareneingang und Abgleich: Lieferscheine werden digital erfasst und automatisch mit Bestellungen abgeglichen (Drei-Wege-Abgleich: Bestellung – Lieferschein – Rechnung).
- Rechnungsverarbeitung: Eingehende Rechnungen – ob per E-Mail, PDF oder EDI – werden mittels OCR und KI ausgelesen, klassifiziert und zur Freigabe weitergeleitet.
- Zahlung und Buchung: Freigegebene Rechnungen fließen automatisch ins ERP-System, Zahlungsläufe werden termingerecht ausgelöst, Skonti werden zuverlässig genutzt.
Jeder dieser Schritte lässt sich unabhängig automatisieren und schrittweise in bestehende Systemlandschaften integrieren – ob SAP, Microsoft Dynamics, DATEV oder branchenspezifische ERP-Lösungen.
KI und RPA: Die technische Basis moderner Einkaufsautomatisierung
Zwei Technologien stehen im Zentrum der Einkaufsautomatisierung: Robotic Process Automation (RPA) und Künstliche Intelligenz (KI). RPA übernimmt klar definierte, regelbasierte Aufgaben wie das Einpflegen von Bestelldaten oder den Versand von Auftragsbestätigungen. KI ergänzt dort, wo Interpretationsleistung gefragt ist – etwa beim Auslesen unstrukturierter Rechnungen oder der Erkennung von Anomalien im Zahlungsverkehr.
Laut Gartner (2024) werden bis 2026 mehr als 80 Prozent der Unternehmen irgendeine Form von Hyperautomation in ihren Finanz- und Beschaffungsprozessen einsetzen. Der Mittelstand steht dabei noch am Anfang – was gleichzeitig bedeutet: Wer jetzt handelt, sichert sich einen messbaren Wettbewerbsvorteil.
Für den Mittelstand besonders relevant ist die Kombination aus Low-Code-Plattformen und bestehenden ERP-Integrationen. So lassen sich Automatisierungslösungen ohne jahrelange IT-Projekte einführen – pragmatisch, skalierbar und kosteneffizient.
Was Unternehmen konkret gewinnen
Die Effekte einer konsequenten P2P-Automatisierung sind gut dokumentiert. Eine Studie von Deloitte zeigt, dass Unternehmen durch die Automatisierung ihrer Rechnungsverarbeitung die Bearbeitungskosten pro Rechnung um bis zu 80 Prozent senken können – von durchschnittlich 15–20 Euro auf unter 3 Euro. Hinzu kommen verkürzte Durchlaufzeiten, eine bessere Ausschöpfung von Skontopotenzialen und eine deutlich geringere Fehlerquote.
Darüber hinaus gewinnen Einkaufs- und Finanzteams Zeit für das Wesentliche: Lieferantenmanagement, strategische Verhandlungen und die Analyse von Ausgabedaten. Transparenz über alle Verbindlichkeiten in Echtzeit ist ein weiterer Mehrwert, der gerade in Zeiten angespannter Liquidität nicht zu unterschätzen ist.
Wo Sie als Entscheider anfangen sollten
Der häufigste Fehler bei Automatisierungsprojekten im Einkauf ist der Versuch, alles gleichzeitig anzugehen. Empfehlenswert ist stattdessen ein strukturierter Einstieg: Analysieren Sie zunächst, wo im P2P-Prozess die größten manuellen Aufwände und Fehlerquellen liegen. Häufig ist die Rechnungsverarbeitung der schnellste Quick Win mit dem höchsten ROI.
Wichtig ist außerdem, Automatisierung nicht isoliert zu betrachten. Sie ist ein Teil einer umfassenderen Digitalisierungsstrategie, die Prozesse, Menschen und Systeme zusammenführt. Laut Bitkom (2023) sehen 67 Prozent der mittelständischen Unternehmen in Deutschland die Automatisierung von Geschäftsprozessen als eine der drei wichtigsten Prioritäten der kommenden Jahre – aber nur ein Bruchteil hat bislang konkrete Maßnahmen umgesetzt.
Das Potenzial ist also vorhanden. Die Frage ist, wer es als Erstes hebt.
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Quellen
- McKinsey: The Future of Work – Automation and the Workforce, McKinsey Global Institute
- Gartner: Forecast Analysis: Robotic Process Automation, Worldwide, 2024
- Deloitte: Global Shared Services and Outsourcing Survey, Deloitte Insights
- Bitkom: Digitalisierung im Mittelstand – Studienbericht 2023
